Weil die Zeit, in der es uns gut geht, die beste Zeit ist, um in Ruhe hinzuschauen. Nicht dann, wenn etwas Schlimmes passiert und wir überfordert sind.
Die Inhalte dieses Blogartikels:
Vielleicht kennst du diesen Moment: Eine Nachricht aus dem Freundeskreis, eine Todesanzeige in der Tageszeitung, ein Gespräch über eine Diagnose, die jemand im Bekanntenkreis betrifft.
Für einen Augenblick taucht der Gedanke auf: „Und wir? Wie wäre das bei uns?“
Doch dann dreht sich das Alltagsrad weiter, weil die To-Do-Liste wartet. Der Gedanke sich mit seiner eigenen Sterblichkeit zu beschäftigen, verschwindet schnell wieder in der Schublade. Ein Moment, den sicherlich viele kennen.
Das ist menschlich. Und trotzdem lohnt es sich, diesen Gedanken nicht nur kurz zuzulassen, sondern ihm bewusst Raum zu geben, damit man seine Lebenszeit bewusst gestalten kann. Solange man noch gesund ist und in Ruhe mit seiner Familie darüber nachdenken kann.
Auch ich habe mich lange Zeit nicht mit meiner eigenen Sterblichkeit beschäftigt – bis ein Gedanke kurz aufgeblitzt ist
Vor einigen Jahren hatte ich einen Autounfall auf der Autobahn. Ein Auto erfasste mich unvorhergesehen von hinten. Der Unfall ging glimpflich aus: Wie durch Zauberhand meines Schutzengels stieg ich nahezu unversehrt aus dem Wagen. Trotzdem war es ein riesiger Schock.
Kurz zuvor hatte ich mich bei meiner Familie verabschiedet. Wie das so ist, wenn man nach einem Besuch nach Hause fährt: Das Auto war vollgepackt. Mit Dingen, die man von A nach B bringen will. Mit Tupperdosen voller Leckereien, damit die eigene Gefriertruhe jederzeit fürsorglich parat steht. Und natürlich mit Gepäck. Die Taschen bei der Heimreise sind doch immer voller, als die, mit denen man losgefahren ist…
Wir hatten uns umarmt, ich stieg ein – und kam nur bis zur Hälfte der Strecke. Statt in meinem eigenen Hof anzukommen, fand ich mich nach dem ersten Schock zwischen Rettungswagen, Feuerwehr und Unfallhelfern wieder.
Dieses Erlebnis hat mir etwas gezeigt, was ich bis dahin zwar wusste, aber nicht wirklich gefühlt hatte: Nicht nur die anderen – all die lieben Menschen in meinem Umfeld, wie meine Freundinnen, mein Partner, Kolleginnen, Verwandte – können plötzlich sterben. Auch ich selbst.
Es war wie die andere Seite der Medaille des Lebens, die ich bis dahin kaum im Blick hatte.
In der Zeit danach kreisten meine Gedanken.
Ich stellte mir vor, wie mein Partner plötzlich Witwer hätte sein können. Ich dachte daran, mit welchen Fragen meine Familie hätte umgehen müssen, wenn der Tochter etwas passiert wäre.
Und schließlich stellte ich mir selbst die Frage: Wo würde ich eigentlich bestattet werden?
Entscheiden, wenn der Kopf noch frei ist
Die wichtigsten Entscheidungen rund um das Lebensende und den eigenen Tod oder den deiner Liebsten werden selten in ruhigen Momenten getroffen.
Meist sind sie plötzlich nötig: nach einem Unfall, nach einer Diagnose, nach einem Anruf mitten in der Nacht. Doch dann ist der Kopf voll, das Herz schwer und die Zeit knapp.
Wer in dieser Lage klar denken soll, ist schnell überfordert.
Wer sich dagegen schon vorher mit dem Thema beschäftigt hat, muss im Ernstfall nicht alles gleichzeitig herausfinden. Man kennt die eigenen Gedanken bereits. Man weiß, was einem wichtig ist, und wem man vertraut.
Zeit darüber nachzudenken ist ein Geschenk, das man sich selbst macht – und den Menschen, die später an deiner Seite sein werden natürlich auch.
Gespräche über Lebensthemen schafft Verbundenheit (© Priscilla du Preez on Unsplash)
Was bringt es nun wirklich, dich mit deinem Lebensende zu beschäftigen?
Vorteil 1: Du gestaltest deine Lebenszeit, statt nur zu reagieren
Es macht einen großen Unterschied, ob man in einer Krise hastig Antworten finden muss oder ob man mit einer inneren Klarheit handelt, die man sich vorher für den Fall der Fälle erarbeitet hat.
Wer sich früh mit der eigenen Endlichkeit beschäftigt, bleibt in seiner Rolle als Gestaltende. Das Leben passiert einem dann nicht ausschließlich – man nimmt daran Anteil, auch in schweren Phasen.
Vorteil 2: Gespräche sind möglich, bevor sie nötig werden
Über Wünsche, Ängste und Vorstellungen zu sprechen, fällt leichter, wenn kein Notfall den Raum bestimmt. Beim Abendessen oder auf einer langen Autofahrt entsteht manchmal ein winziger Moment, in dem ein Satz fällt, der eine Tür öffnen kann.
Schwere Gespräche werden dadurch nicht automatisch leicht, aber sie werden überhaupt erst möglich, bevor sie unter Zeitdruck stattfinden müssen.
Vorteil 3: Die Liebsten müssen nicht raten
Ohne klaren Gedanken müssen Angehörige im Ernstfall oft erraten, was sich ein Mensch gewünscht hätte. Das bedeutet Verantwortung, die schwer wiegt, und nicht selten Schuldgefühle, weil man sich nie ganz sicher sein kann, das Richtige entschieden zu haben.
Kennst du den Satz nach dem Tod eines Familienangehörigen, wenn alle um das Sterbebett stehen und ratlos in die Leere starren: „Hat er denn mal jemanden von euch erzählt, was er gerne hätte? Erdbestattung?“
Wer die eigene Haltung vorab klärt, schenkt den Menschen, die er liebt, Orientierung. Und er nimmt ihnen die Last ab, stellvertretend für sie oder ihn selbst entscheiden zu müssen.
Vorteil 4: Deine Lebenszeit fühlt sich bewusster an
Wer sich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzt, blickt automatisch auch auf das, was gerade zählt. Das ist eine frohe Botschaft!
Oft ist das genau das Gegenteil von düster und schwer: Man schiebt in Folge dessen weniger auf die lange Bank, setzt Prioritäten klarer und fragt sich seltener am Ende, was man hätte anders machen wollen.
Die Natur zeigt das ganz ohne Pathos: Eine Blüte ist nicht weniger wertvoll, weil sie vergeht. Gerade ihre Vergänglichkeit verleiht ihr Tiefe und Bedeutung.
Die Natur lehrt uns Vergänglichkeit (© Drew Anderson on Pixels)
Was es im Ernstfall mit dir macht, wenn du dich schon vor einer Krise mit deiner Sterblichkeit befasst hast
Ohne eine Vorbereitung treffen im Ernstfall Gefühle und Organisation gleichzeitig aufeinander und bilden einen unangenehmen Mix: Trauer, Angst und Hilflosigkeit, dazu Begriffe, Formulare und Entscheidungen, die man nie zuvor treffen musste.
Viele erleben in dieser Phase ein Gefühl von Kontrollverlust, das sich mit jedem neuen Punkt auf der Liste verstärkt.
Mit einer gewissen Vorbereitung verschwindet der Schmerz später zwar nicht. Auch Trauer und Unsicherheit werden immer ein Teil unseres Lebens sein. Doch der Umgang damit wird oft leichter, weil man den Boden unter den Füßen nicht erst suchen muss, während er wegbricht.
Man hat sich bereits mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass es ein Ende gibt. Das nimmt dem Thema einen Teil seiner bitteren Schärfe.
Der Mut zum ersten Schritt darf klein sein
Es geht bei der Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit nicht darum, das Lebensende perfekt zu planen oder keine Angst mehr zu haben.
Es geht vor allem darum, das Thema aus dem Schatten zu holen, solange es noch keinen konkreten Anlass gibt. Man muss nicht alles wissen und nicht alles heute klären. Es ist zunächst ausreichend, sich zu erlauben, dass das Thema da sein darf. Dass man es in seinem eigenen Tempo betrachten kann. Und dass man sich dabei ruhig Zeit nehmen darf, wenn es sich gerade gut anfühlt.
Ich wünsche dir, dass du diese Zeit, in der noch alles gut ist, bewusst nutzt. Lege den Fokus auf die Verbundenheit mit dir selbst und mit denen, die dir wichtig sind, nicht auf die Angst.
Alles Liebe,
Deine Kathrin